Kolumne: Zeitreise & Bekenntnisse.

Liebesbriefe von Alice.
„Der Wochenrückblick über Themen, die Alice bewegten.
Immer in Verbindung mit Liebe.“

„Lieber Freund,

vor drei Tagen traf ich nacheinander auf eine Dame mit Herrn und einen weiteren Herrn, der mir aus vergangenen Tagen wohl bekannt ist. Mit ersteren verband mich an diesem für mich sehr bedeutsamen Aloha Monday ein zauberhaftes Parkbank-Gespräch an der königlichen Allee, das nach und nach ihre gemeinsam erlebten Geschichten der Vergangenheit offenbarte, die mit einem Bekenntnis füreinander begannen. Vor weit über 60 Jahren versprachen sich die beiden eine gemeinsame Zukunft, die in Berlin begann und schmiedeten sogleich Pläne dafür. Sie untermauerten ihre Liebe zueinander mit Eckpfeilern, die sie gemeinsam bauen wollten. Rückblickend haben sie es geschafft ihr Lebenswerk weitestgehends zu vollenden: sie sind ihrem Bekenntnis treu geblieben, haben zwei Mal neues Leben geschenkt und die Herausforderungen des Lebens gemeinsam gemeistert. Zufriedenheit und Liebe entdeckte ich in beider Anlitz und den Genuss des Lebens, das Hier und Jetzt, das ihnen auch die Früchte ihres Lebens reichte. So freute ich mich über unseren erfüllenden Gedankenaustausch und mit vom Herzen gefassten Händeschütteln verabschiedeten wir uns schließlich voneinander. Mit dem ausgesprochenen Glück für jeden auf seinem Weg brachte mich mein Drahtesel dem ersten Kaffee des Tages ein Stück näher. Nichts ahnend lief dort dann der Brite und alte Seebär am Café vorbei, den ich seit drei Jahren nicht mehr getroffen hatte. Voller Freude verbrachten wir nun wieder gemeinsam etwas Zeit miteinander, erzählten von den Erlebnissen der jüngsten Vergangenheit und so erfuhr ich auch von seinem Bekenntnis vor 40 Jahren, das sich bald jährte. Im Kreise seiner beiden Töchter wird er den Jahrestag mit seiner Herzensdame gebührend zelebrieren und mit der Aussicht auf ein erneutes Zusammentreffen zum Kaffee verabschiedete ich mich schließlich auch von dem weißbärtigen Herrn, der einst die Weltmeere bereiste.

Ein Bekenntnis anderer Art und doch voller Vertrauen und Liebe gefasst, untermauerte ich dann an diesem denkwürdigen Montag, indem ich auf den „Freischalten“-Button für unsere Bridge to Hawaii Crowdfunding Kampagne in der virtuellen Welt drückte. Mein Bekenntnis gegenüber der gesamten Crew lautete, dass ich einen Weg finden werde unser Projekt zu realisieren und dies nun eine Möglichkeit dazu offenbart. Somit darf ich Dir an dieser Stelle tief bewegt und voller Freude mitteilen, dass wir online gegangen sind. Möglichst viele Menschen möchten wir über diesen Weg erreichen, mit ihnen unsere Visionen, unseren Traum teilen und schließlich gemeinsam die Mittel aufbringen, die notwendig sind, um dies alles zu erfüllen. Begleitet wurde dieser Tag dann für mich im wahrsten Sinne vom Aloha, das auch für Liebe steht, denn es spiegelte sich in den Begegnungen und begann mit dem Wind. So zeigte mein geliebter Wegweiser, das Segelschiff in luftiger Höhe, die Richtung Ost/Nordost an und wehte so den Aloha-Ruf direkt von Hawaii herüber. Prombt kreuzte dann noch unerwartet ein Bridge to Hawaii Crew Mitglied meinen Weg und der junge Mann mit den Rasta-Zöpfen leistete mir auf einer Bank an einem Brunnen eine Zeit lang Gesellschaft.

Bewegte Zeiten der letzten zwei Wochen liegen nun hinter mir, die manchmal fast unglaubliches zu Tage brachten und so meine Seele ab und an regelrecht übersprudeln ließen oder es immer noch tun. So flossen auch Tränen, doch nicht der Trauer, sondern der Freude und des zutiefst Berührtseins und als ob der Himmel in diesen Gesang mit einstimmen wollte, öffnete auch er am letzten Sonntag seine Tore und ließ das Wasser des Lebens auf die Erde prasseln, die gerade so wunderschön erblüht. Im Volksgarten, einer Oase der Stadt, wohnte ich dann diesem Naturschauspiel bei und lauschte eine Weile dem Regen, beschützt unter Blätterwerk. Ganze drei Tage zuvor nahm ich mir in dieser grünen Lunge eine Auszeit von den Beschäftigungen rund um Bridge to Hawaii und genoss in vollen Zügen den Frühling um mich herum. Manchmal ließen mich die visuellen Eindrücke fast sprachlos zurück, so wunderschön präsentierte sich die Natur in der Erkenntnis ein Teil ihrer und dankbar für den Moment zu sein. In der Mitte meiner Selbst setzte sich dann noch ein Herr zu mir auf die Parkbank im Schatten mit Blick auf den See und das gegenüberliegende Bootshaus. Es folgte ein schöner Gedankenaustausch und ein Moment der telefonischen Unterbrechung, der mir ein Lächeln auf das Gesicht zauberte, da ich Zeuge der liebevollen Worte an die Herzensdame wurde. Der Herr schenkte mir wiederum sein Ohr auf Zeit und entschwand schließlich in seinen wohlverdienten Feierabend.

Knapp eine Woche zuvor hatte mein Herz eine Dame berührt, zu der mich Amtsangelegenheiten geführt hatten. Mit regem Interesse folgte auch sie meinen Ausführungen über die neuesten Entwicklungen zu Bridge to Hawaii und voller Freude konnte ich ihr damals schon den fertig geschnittenen Pitch-Film zeigen, den die Crew gemeinsam auf die Beine gestellte hatte. Ihre Anerkennung drückte sich neben dem Strahlen in ihren Augen, dann auch in einer monetären Spende aus, die sie vorbehaltlos und mit Freude mir entgegenreichte. Diese landete dann zunächst in unser noch unbemaltes Hawaii-Schweinerl und letzten Montag dann als erster Finanzierungsbetrag auf der Crowdfunding Plattform, wo danach die wunderbaren Worte „Dank deines Beitrags ist Bridge to Hawaii seiner Verwirklichung einen Schritt näher.“ zu lesen waren. Bewegende Momente, die sich auch am nächsten Tag fortsetzten. Mit dem Ansinnen an diesem Samstag vor 11 Tagen die Seele baumeln zu lassen bestieg ich meinen Drahtesel und entschied mich auf dem Weg spontan einen Abstecher zum jungen Mann mit dem Aloha-Spirit zu unternehmen. Mit Freude erkannte ich dann schon vom Weiten den Weihnachtsmann, der auf der Terrasse des Cafés saß und alsbald lagen wir uns zur Begrüßung über dieses unverhoffte Glück in den Armen. Sonnenbeschienen genossen wir die Anwesenheit des anderen und als er kurz im Inneren verschwand, entdeckte ich noch in einem der gegenüberliegenden Fenster ein Schild, auf dem in großen Lettern „Peace & Love“ geschrieben stand: spooky.

Der betagte Herr mit dem weißen Haar verabschiedete sich und dem jungen Mann mit Aloha-Spirit legte ich den Pitch-Film in die Hände, den er noch nicht kannte. Nach meinem Besuch des stillen Örtchens trat mir dann das jüngste Crew Mitglied entgegen und bekundete bewegt mit einem Glitzern in den Augen: „Der ist super schön geworden.“. Ein paar Tage später ließ mich dann auch seine zauberhafte Schwester mit den polynesischen Wurzeln wissen, wie berührt sie vom filmischen Werk ist und es sogleich mit ihren Verwandten auf Hawaii in der virtuellen Welt teilte. Ihr Bruderherz berührte dann noch meines, als er mir erzählte, dass er die Frage nach dem „Warum?“ mit „Alice glaubt einfach daran.“ beantwortete und mir so aus der Seele sprach. Der Weg zurück in den Kiez führte dann auf die Terrasse des Covent Garden, auf der mich wenig später im Sonnenschein ein weiterer spooky-Moment erreichte. Eine Dame veröffentlichte in der virtuellen Welt ein Foto vom Waikiki Beach in Honolulu, auf dem ein „Lifeguard“-Turm zu sehen war. In großen, roten Lettern war er mit „2H“ beschriftet und erinnerte mich sofort mit einem imaginären „B“ davor an unser Bridge to Hawaii-Kürzel. Für mich ein Wegweiser, der mich zum Strahlen brachte und ich das Foto weiter teilte.

Auch der folgende Sonntag versprach schon zu Beginn bewegende Zeiten, denn die Schmetterlingsdame war aus ihrer neuen Heimat eingeflogen und brachte für den Nachmittag ausreichend Zeit für gemeinsame Stunden mit. Nach der Wiedersehensfreude schloss sich ihr noch der Arzt aus Nordafrika überraschend an, der seinen Ehrentag mit uns verbrachte und der junge Mann aus der WG, der ebenfalls den Weg zu uns fand. So vergingen angenehme Stunden mit hawaiianischem Geburtagsständchen und einem Spaziergang zum Fluss, bis die Dame wieder den Flieger in Richtung Süden erreichen musste.

Die nächsten Tage standen dann ganz im Zeichen von Bridge to Hawaii mit den notwendigen Vorbereitungen zur Crowdfunding Kampagne von Früh bis um Mitternacht und nur kurz unterbrochen vom Sommer-feeling und Wasserspielen in der Innenstadt, ein wenig Park-Liebe beim hindurchfahren und viel Geduld bei technischen Herausforderungen. Letzte Woche Freitag konnte ich dann überglücklich und umrahmt von wunderbaren Menschen an diesem Tag, der gesamten Crew die Neuigkeiten zur Fertigstellung mitteilen. Mit Blume im Haar und in Begleitung der doppelnamigen Dame, folgten wir dann am Samstag dem Flusslauf und dem Aloha-Ruf eines Herrn, der zur Eröffnung seines Poke-Imbiss auf einem Schiff am Fluss geladen hatte. Vor Ort waren die Vorbereitungen noch nicht gänzlich abgeschlossen und so blieb es für uns erst einmal bei der Bewunderung der Location, einem Aloha-Gruß für den Gastgeber mit Überreichung eines Lei und dem Blick auf kulinarisches, das an das hawaiianische Nationalgericht angelegt ist. Am Nachmittag erreichte mich dann die Nachricht eines ehemaligen Schulkameraden, der mich vor wenigen Jahren in der virtuellen Welt fand und Kontakt aufgenommen hatte. Nun ließ er mich wissen, dass er zum angekündigten Jahrgangstreffen am Zielort angekommen war und ich gerne vorbeikommen könnte. So folgte ich auch diesem Ruf auf die andere Flussseite, ohne zu ahnen was mich dort außer Charly erwartete, denn das Jahrgangstreffen verband ich zunächst nicht mit meiner Person.

Mit der Freude über den Weg entlang eines Kanals bei herrlichem Frühlingswetter, den ich das letzte Mal in meiner Schulzeit befahren hatte, erreichte ich schließlich das Lokal mit angrenzendem Biergarten, der sich vom weiten schon gut gefüllt zeigte. Ab diesem Moment ereignete sich fast unglaubliches und in den kommenden vier Stunden sprudelte nicht nur einmal das Wort „surreal“ aus meinem Mund heraus. Völlig unerwartet war ich beim Betreten des Biergartens in eine Zeitmaschine eingestiegen und über drei Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückgereist. Genauso fühlte es sich in jedem Fall an, als ich nach und nach die Gesichter der Menschen um mich herum betrachtete und meine Synapsen unentwegt alte Verbindungen zu gemeinsamen Geschichten blitzartig wieder aufleben ließen. Gefühlt unzählige Sinneseindrücke hielten fortan meinen Dopamin-Spiegel im Blut über die Maßen aufrecht und so erfreute ich mich an dem Sichtbaren genauso wie an den Gesprächen, die sich im Laufe des Abends entwickelten. Denn kaum einer der zahlreichen Anwesenden blieb mir gänzlich unbekannt, verbanden uns doch gemeinsame Schuljahre und ebenso zahlreiche gemeinsame Erlebnisse. Zunächst entdeckte ich Charly, dem ich schließlich dieses wunderbare Geschenk der Begegnungen verdanke. Als wäre die Zeit dazwischen stehengeblieben, sah ich den jungen Kerl in ihm, der einst Zeit im Kunst-Leistungskurs mit mir teilte und sein Talent heutzutage wieder aufleben lässt. Unverkennbar auch an den Bemalungen seiner Haut zu sehen. Anregend gestaltete sich unsere Unterhaltung, der sich bald eine Dame anschloss, die ich zu den wenigen Unbekannten zählte. Ganz im Gegensatz zu Sandra, die ich am Nebentisch bereits zu Beginn wahrnahm, auch weil sie mich entdeckte und meinen Namen rief. Wunderbare Zeiten verbrachten wir damals zusammen und ich erinnere mich gerne an ihr Zuhause mit Irish Setter und Familie. Meinen 16ten Geburtstag feierten wir gemeinsam in einem damals angesagten Lokal und läuteten damit meine Ausgeh-Zeit ein. Nun fielen wir uns erstmals wieder herzlich in die Arme und wechselten über den Abend hinweg das ein oder andere Wort. Sie half mir dann namentlich bei einem Herrn aus, den ich wiedererkannte, allerdings noch nicht wirklich zuordnen konnte. Marcel zeichnete sich an diesem Abend vor allem durch seine schönen Komplimente aus, die er zum Ausdruck brachte. So vernahm ich, dass ich ihn wohl damals mit meiner Persönlichkeit nachhaltig beeindruckt hatte und Alessandro ließ er wissen, wie beeindruckt er von der Sprachgewandheit des Italieners gewesen war und dieser für ihn eine Bereicherung darstellte, was mich wiederum beeindruckte. Letztlich standen wir wohl gemeinsam auf den Bühnenbrettern, die für manchen die Welt bedeuten, als wir beide uns in der Theater AG erprobten. An Brigitte erinnerte ich mich sofort, hatte ich sie doch vor Jahren auf dem Bildschirm entdeckt und damals noch erfolglos versucht Kontakt über ihre Agentur aufzunehmen. Dass die Dinge sich dann doch finden, bewies sich an diesem Abend, der uns für den Augenblick zueinanderführte. Silkes Gesicht kam mir sofort wieder in den Sinn und ihre fröhliche Art entlockte mir auch im Waschraum noch ein Lächeln um die Mundwinkel. Genaueres konnte ich dann nicht ergründen. Der Hinweis auf einen Herrn an dem langen Holztisch, der in meine Richtung schaute und damals aus Ghana zu uns in die Schule gekommen war, entlockte mir sofort einen begeisterten Ausruf. Bald wechselten auch Oliver und ich Worte der Freude über das Wiedersehen miteinander und so ließ ich ihn auch wissen, dass ich nie vergessen würde wie er mir die englische Sprache ein bisschen näher brachte. „Which kind of wall…“ heißt es seitdem für mich richtig, dank seines Hinweis. Das Lachen war an diesem Abend nicht nur mein ständiger Begleiter und so danke ich auch von Herzen den Begegnungen mit Barbara in dem farbenfrohen Kleid, Roland, der wohl das organisatorische übernommen hatte, Melita, die wohl damals dunkle Haare trug, Sandra, die zweite im Bunde der Namensgleichen, Ingo, der Herr mit ergrautem Haar, dessen Wege meine vor einigen Jahren schon mal kreuzten, Altan, den ich sofort erkannte, Volker, der etwas offenes in seinen Augen durchscheinen ließ, Kirsten, die unter anderem vom „sich selbst finden“ sprach, und, und, und… alle, die ich sah strahlten von innen heraus und versprühten Herzlichkeit und Energie unter freiem Himmel. Fast berauscht von den Erlebnissen des Abends verließ ich schließlich nach einer Verabschiedungsrunde diese Gesellschaft und trat mit meinem Drahtesel den Heimweg an. Erschöpft und glücklich endete dann dieser Tag für mich voller Dankbarkeit.

Am Dienstagnachmittag traf ich dann wieder einmal auf meine betagte Brieffreundin, die ich seit Ostern nicht mehr gesehen hatte und im Anschluss daran besuchte ich nochmals den jungen Mann mit Aloha-Spirit, um unerwartet ein bisschen Glücksstaub für verlorengegangenes zu verteilen und von Bridge to Hawaii-Neuigkeiten zu berichten, bis auch dieser Ausflug irgendwann wieder zu Hause endete. Bewegende Zeiten liegen hinter mir. Was morgen wird, liegt noch in der Glaskugel der Zukunft verborgen und doch ist gewiss, dass sich vieles um Bridge to Hawaii drehen wird. Ein spannendes Abenteuer, wie ich es mir gewünscht habe und ein Traum, an dem nun schon mehr Menschen glauben. So darf es weitergehen, denn es sind doch die Träume, die jeden von uns motivieren voran zu gehen und an sich selbst zu glauben. Aufgeben ist schließlich keine Option. In diesem Sinne danke ich auch Dir für Deine Unterstützung und sage „bis bald“.

In Liebe mit Aloha,

Alice

PS. Vor ein paar Tagen wohnte ich einer Live-Schaltung des Dalai Lama in Dharamsala vor hunderten Menschen bei, dessen folgende Worte ich Dir an dieser Stelle noch nahe bringen möchte.

„The more you are motivated by LOVE
the more fearless and FREE your action will be.“

 

Über Alice Zumbé

Wer bin ich? Alice Zumbé, geboren mit künstlerischem Talent, welches im Ursprung bei der Großmutter zu finden ist. Meine immer währende Neugierde auf Menschen aller Art gab schnell den Weg zur Portraitmalerin frei. Jedoch auch andere Facetten meines Lebens führten zu zahlreichen Interessensgebieten. Immer im Blick was dort draussen passiert... sowohl im Detail als auch im großen Ganzen. Es bleibt spannend in der Welt.
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in KOLUMNE und getaggt als , , , , , , , , , , , , , , . Fügen Sie den permalink zu Ihren Favoriten hinzu.

2 Responses to Kolumne: Zeitreise & Bekenntnisse.

  1. marcello sagt:

    In dem alten Biergarten im Schatten der Kastanien, die der Großvater des besten Freundes von M. in einem vergangenen Jahrtausend gepflanzt hatte, um dem Kanal, den Napoleon anlegen ließ, um eine Wasserstraße zwischen dem Seehafen Antwerpen, der Maas und dem Rhein zu schaffen, einen grünen Saum vor den Toren der Stadt zu schenken und unter deren Schatten der aus fernen Ländern Afrikas zurückgekehrte in den Jahren seines Sturm und Drang viele Spaziergänge absolviert hatte, um das aufgewühlte Herz zu bändigen, an diesen seltsam gegenwärtigen Ort, der ein fast vergessenes Leben markierte, war er an diesem Abend also zurückgekehrt. Am Morgen des gleichen Tages, hatte der Reisende noch am Ufer des Mar Menor, des kleinen Bruders des Meeres zwischen den Erdteilen, den ersten starken Kaffee eingenommen, um einem Vogel gleich im stählernen Leib einer modernen Flugmaschine in Richtung Norden aufzubrechen, einer Bewegung folgend, die seit seinen frühesten Erinnerungen der kreisenden Bewegung eines Pendels zu gleichen schien, die keinen wirklichen Ausbruch erlauben würde, sondern die scheinbare Flucht vor der Schwere der unerträglichen Heimat zur leeren Geste ihrer Inszenierung degradierte, die Rückkehr bereits als konfirmierte Depesche in der linken Brusttasche, das Herz bedeckend, es gleichsam im Zaume zu halten. Sich an diesen Ort zu begeben, einer Verabredung folgend, die vor vielleicht drei Jahrzehnten sich eine Schar junger, ungestümer Absolventen des örtlichen Gymnasiums gegeben hatten, welches zur Zierde den Namen eines ehrwürdigen Naturwissenschaftlers trug, dem M. nur zu gerne nachgeeifert hätte und dessen Skulptur er bisweilen vor der Alten Post besucht, um seinem unerreichten Vorbild ein verschämtes „verzeih mir“ zuzuflüstern, was sein Bedauern zum Ausdruck bringen sollte, die Wissenschaft gegen die Kunst eingetauscht zu haben oder der Forschung am Ende doch nicht würdig gewesen zu sein oder mehr noch über die eigene Verwirrtheit des Geistes sich zu empören und der Ideen und der Verwechslung der wissenschaftlichen Mühe mit dem Glanz der scheinbaren Leichtigkeit des Geniestreichs gewahr zu werden, um sich selber am Ende der Scharlatanerie, dem großen Theater der medialen Inszenierung verschrieben zu haben. All das hätte ihn an diesem Abend fast davon abgehalten, dem Napoleonischen Kanal der nach der Himmelsrichtung benannt worden war, die er am meisten Verabscheute, weil sie die Richtung der Rückkehr oder schlimmer noch der Heimkehr bezeichnete, zu dem kleinen Ort der Begegnung mit der verblichenen Jugend zu folgen, wäre nicht aus eben jenem Lande, das er am sonnigen Morgen so eilig verlassen hatte, ein weiterer guter, sehr guter, vielleicht am Ende sogar einziger wirklicher Freund, zu ihm gekommen, mit der Absicht ihn abzuholen, aus dem zweifelnden Sinnen zu befreien und als der Jüngling vor ihn zu treten, als der er sich in seine Erinnerung eingebracht hatte. So saß er schweigend neben E. in einem vom verbrennenden Erdgedächtnis angetriebenen Vehikel. Und wenn er etwas sagte und dachte, dann tat er das auf Spanisch. Und dann standen sie gemeinsam in diesem Garten, die Blicke schlugen ihnen entgegen und M. stellte fest, dass ihm die meisten Namen zu den Gesichtern abhanden gekommen waren aber auch viele Gesichter ihm so viel fremder erschienen und er in dem Moment seines eigenen Alters und der verlorenen Zeit gewahr wurde, die auch keine frische Madeleine getunkt in Lindenblütentee zurückbringen würde, zu lange lagen die schlaflosen Nächte und die Asthmaanfälle schon zurück. Und so fand er sich erschlagen von der Nichtenden Wucht der Zeit, die ihm all das dazwischen Gelebte zu ersticken schien, wie die Luft, die einem Luftballon entweicht, um seine leere, schlaffe Hülle im Dreck zurückzulassen, während sich die Luft befreit von dem Gefängnis der sie umschließenden Mebran wieder in den Wind hinaufschwingt und Jujeee hinaus in die Welt und den Himmel, der sich hoch über uns auftürmt, wie die unerreichten Gewölbe einer göttlichen Kathedrale. Die erschlaffte Membran aber leblos, ohne Hoffnung auf einen erneuten Flug durch die Lüfte sich den Stößen und Tritten der gehetzten Passanten wehrlos ergeben muss. So trat er ein in die vergessenen und verdrängten Geschichten, die nie gelebten Liebesabenteuer und die verdrängten Enttäuschungen, Verletzungen und fragte sich, ob dies ein schöner oder schrecklicher Abend werden würde.

    Ein verhaltener Tanz durch die Menge. Mit der Vorsicht eines unsicheren und ungeschickten Besuchers, der sich zwischen eine Ballettgruppe schiebt, die in ihrer Begegnung einer abgesprochenen und zuvor zu erwartenden Choreographie zu folgen schienen.

    Doch plötzlich und unerwartet viel aus diesem Reigen ein Wort, ein Hallo, ein Gesicht, ein Blick, eine Erinnerung, die M. in einer Form überraschte und irritierte, weil sie keine Referenz zu liefern schien. Allen zuvor ausgeteilten Höflichkeiten und Komplimenten, war ein Moment der klaren und wohl abgewogenen Erinnerung vorangegangen. Mit jeder Person verband M. eine klar umrissene Erinnerung, eine zeitliche und Örtliche, vor allem aber auch eine emotionale Verotung, die jedem Gesicht, jedem Namen einen ganz klaren Ort im Kosmos zuschrieb. Auch jenen, an die er sich kaum erinnern konnte. Jeder hatte seinen Platz und die Geschichte war abgeschlossen in dem verstaubten Buch zurückgelassen worden. Es gab keine offenen Fragen mehr, vielleicht hier und da ein Aufblitzen einer verpassten Gelegenheit, die Erinnerung an eine Berührung oder Nähe, die einmal Hoffnung und Versprechen war. Doch all dies war schon lange verblichen und hatte als vergilbte Seite in einem alten Album ihren festen Platz. Zu fast jeder Person hatte sich M. einen Satz zurechtgelegt. Nicht im Vorhinein, doch im Moment der Begegnung war sie wieder da, eine klare Verortung, ein unverrückbares Ja oder Nein, die Gewissheit, sich damals nicht getäuscht zu haben und die Dinge auch heute noch, dreißig Jahre später genau so zu betrachten. Ja fast die Erleichterung, nicht über eine verdrängte Emotion, ein nicht gelebtes Verlangen zu stolpern. Nach wenigen Momenten war alles so, wie es immer gewesen war, nahezu unveränderlich, wie es sich in die Erinnerung eingeschrieben hatte und wie es abgelegt worden war von den Buchhaltern der Vergangenheit in den Leitz Ordern der Bewältigung.

    Dann kam Alice ins Bild. Mit einer Wucht, mit einer Präsenz, die nichts von ihrer Gegenwärtigkeit eingebüßt hatte. Und M. bemerkte nervös, dass er aus irgendeinem Grunde, auf den er bis zu diesem Moment, wo die Zeilen unter seinen Fingern auf der Tastatur dahinfließen, sich nicht wirklich erklären kann, diese Seite nie in einem der verstaubten Leitz Ordner abgelegt hatte. Sie war da, präsent wie bei der ersten Begegnung, als sei er in eine Zeitschleife getappt und würde Alice zum allerersten Mal sehen, aber die Alice von damals, die die er damals zum ersten Mal gesehen hat und mit der gleichen Befremdung der Nähe und Ferne, die ihn beim ersten Mal verwirrte, einer unbeschreiblichen Unnahbarkeit, die Alice in diesem Moment in eine Nähe rückte, die im Kosmos der vergangenen Orte einfach keinen Platz fand. Das Paradox einer absolut präsenten Präsenz, einer nicht abgeschlossenen Eingebung, die so lange zurück lag, deren Existenz sich M. aber zu keinem Zeitpunkt bewusst war. Das führte auch zu dem Paradox, dass beide, Alice wie er, in dem Moment der ersten und immer noch währenden Begegnung wie in einer Zeitschleife gefangen zu sein schienen. Ein Erstaunen über die Fremdheit des Widersehens. Eine Fremdheit, die dafür sprach, dass sie sich fast nicht begegnet sind. Ein zugefallener aber intensiver Augenblick, der niemals ein Ritual hat werden können. Eine nicht abgeschlossene Emotion. M. verlor in dem Moment dieser Begegnung zum ersten Mal an diesem Abend die Kontrolle. Die Kontrolle über die Erinnerung seiner Emotionen und Bilder. Ein Schatz, den er immer mit sich herumtrug, egal wie weit und wie lange er an den entlegensten Orten der Welt sich vor der vergangenen und zurückgelegten Zeit zu entfernen suchten. Sie holten ihn immer ein. Vergangenes hatte für M. immer eine erschreckende und verzückende Präsenz. Er konnte oft nicht unterscheiden, ob eine erlebte Begegnung gerade erst fünf Minuten oder fünfundzwanzig Jahre zurück lag. Schöne und traumatische Momente führten in seinem Herzen Hand in Hand, in unmittelbarer Nachbarschaft ein sehr lebendiges Leben und immer wieder passierte es ihm, dass er sich in diesen erinnerten Gegenwarten verlief und erst nach Stunden des Wiedererlebens einen Bezug zur Augenblicklichkeit fand. So ging es ihm auch beim schreiben dieses Briefes, das eigentlich nur ein kurzer Kommentar zu einer Emotionalen Überwältigung, diesem kurzen Kontrollverlust, des aus der Fassung bringen, das ihm Alice bei der Begegnung im Biergarten am Rande des Kanals von Napoleon unter den schützenden Blättern der alten Kastanien, die der Großvater seines anderen besten freundes gepflanzt hatte, werden sollte. So wie in dem Moment des wiedersehens mit Alice, war ihm auch jetzt die Kontrolle über seine Gedanken entglitten. Aber er war ihr an diesem Abend unendlich dankbar dafür, dass sie ihn aus der Fasson gebracht hatte. Dafür war er jedem Menschen dankbar, dem er begegnete. Er ließ sich gerne erschüttern und entführen, in andere parallele Realitäten. Und Alice strahlte für ihn vielleicht das versprechen eines unbekannten, abenteuerlichen, fantastischen Universums aus, das sich den kleinen normalen Logiken des Alltags entzieht. Die Lektüre der ersten Passagen hat M. in diesem Eindruck bestätigt. Und weil ihm während des Schreibens die Worte abhanden kommen, die das fassen würden, was er eigentlich dachte und fühlte in diesem Moment, weil es unbeschreiblich bleiben wird und muss, weil sich dieser Moment der Erinnerung entzieht, wendet M. seinen Blick ab von der Tastatur und zieht eine alte Grafik hervor, die ein guter Freund vor ein paar Wochen in einem Antiquariat ersteigert hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.

    • Alice Zumbé sagt:

      Faszinierend und berührend zugleich. Dankeschön, lieber M.
      Es fühlt sich fast surreal an, den eigenen von anderer Hand geschriebenen Namen dort zu lesen. Es ist spät. Gute Nacht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.