Kolumne: Von Elefanten, Blüten und der Verteilung der Zeit.

Liebesbriefe von Alice.
„Der Wochenrückblick über Themen, die Alice bewegten.
Immer in Verbindung mit Liebe.“

„Lieber Freund,

es war warm gestern. Sehr warm. 32 Grad zeigte die Temperaturanzeige meines mobilen Telefons an und ließ dabei sicher außer Acht, dass das Thermometer in der Sonne noch um einige Grade nach oben gewandert wäre. Die Auswirkungen auf meinen Verstand waren, trotz des schattigen Plätzchens unter freiem Himmel, Wasser und einem Glas voller Eiswürfel, die in kürzester Zeit lutschender Weise in meinem Mund verschwanden, zahlreiche träumerische, fast meditative Momente. Gedankenverloren blickte ich auf die Geschehnisse der Café-Terrasse um mich herum und wurde gleich zweimal mit Abstand zueinander von mir bekannten Menschen aus diesen Traumsequenzen wachgerüttelt. Lachenderweise begrüßte ich so den Fotografen, der weiterzog um sich kulinarisch zu verköstigen und später die Dame mit den marrokanischen Wurzeln, die ich tatsächlich erst vor meiner Nase wahrnahm, sie herzlich umarmte und wieder verabschiedete, da sie ihren filmischen Aufgaben folgen musste. Beide holten mich ein Stück weit ins Hier und Jetzt und begleiteten mich so noch gedanklich zu den ersten Zeilen an Dich. Eine Dame mit malerischem Elefantenkopf auf ihrem Shirt brachte mich dann noch im Vorbeigehen zum Schmunzeln, erinnerte mich das Bildnis doch auch an Geschehnisse der letzten Tage, die Verbindungen zur Vergangenheit knüpften oder umgekehrt!? Eine komplexe Angelegenheit Dir von den Details zu erzählen, die Dir aus alten Briefen manchmal bekannt vorkommen werden. Mit einigen zeitlichen Unterbrechungen bis in den nächsten Tag hinein fanden die folgenden Zeilen zu den Zusammenhängen und neuen Verwicklungen ihren Weg auf das Blatt Papier.

Sicher erinnerst Du Dich noch an Jerry, den Fotografen und Autor, den ich bei den Vereinten Nationen in New York kennenlernte. Unsere dortige, wenn auch kurze Begegnung hatte einen sehr bewegenden Charakter, der unter anderem auch dazu führte, das Jerry mir sein zweites Buch „Why you were born“ mit Widmung schenkte. Du erinnerst Dich? Dort fanden sich einige von ihm verfasste Geschichten seiner Lebensreise wieder, die er erlebt hatte und die bis in seine Kindheit zurückführten. Als 5tes Kind von insgesamt 11 Geschwistern gab es sicher viel zu erzählen und immer wenn sich die Gelegenheit bot tauchte ich in die fremde Sprache ein und nahm mir ausreichend Zeit, um seine Erzählungen zu lesen. Manches Mal vergingen Wochen bis ich wieder einen Blick hineinwarf und seinen Spuren der Kindheit folgte, die mich oftmals zum Schmunzeln und mir den Menschen Jerry nahe brachten. Seine Erinnerungen an den kleinen Jerry mit 4, 5, 6 und, und, und Jahren führten ihm wieder vor Augen worauf es im Leben ankommt und dass die Sicht auf die Dinge ein wesentlicher Bestandteil dafür ist, ob man ein glückliches und zufriedenes Leben führt. So erzählten wir es uns auch in New York, als ich ihm von meiner Sicht auf die Liebe berichtete.

Nach einem bewegten Samstag Vormittag im Piraten-Café mit der Schmetterlingsdame und dem jungen Mann, dessen Wurzeln unter anderem bei mir zu finden sind, trat in den frühen Nachmittagsstunden an anderer Stelle und nur noch zu zweit eine Dame mit Hund an unseren Tisch, die ich zuletzt auf dem Straßenfest vor wenigen Wochen traf. Herzlichst umarmten wir uns und tauschten aktuelle Reisepläne miteinander aus, als mein Blick auf eine Tätowierung an ihrem linken Oberarm wanderte. So entdeckte ich für mich zum ersten Mal den Elefantenkopf, der dort künstlerisch mit Aussenlinien dargestellt wurde und erinnerte mich an eine Geschichte über die australische „Camel Lady“, die ich Dir in „Von Elefanten und Kamelen“ vor etwas mehr als einem Jahr erzählte. Bald verabschiedete sich die Dame mit Hund wieder, wünschte uns Glück für unsere Unternehmungen so wie wir ihr viel Freude beim Surfen wünschten und ich begab mich zurück in die heimischen, vier Wände. Dort fiel mein Blick auf das Buch von Jerry und irgendetwas zog mich an nach über drei Monaten wieder einmal hineinzulesen. Ich schlug die Seite auf, an der ich stehen geblieben war und schmunzelte, als ich zum wiederholten Mal zum Einstieg seine Erzählung über die Begegnung mit einem Elefanten las. Damals war Jerry 6 Jahre alt, stand kurz vor der Einschulung und übte einmal mit seiner Mutter die Fahrt mit dem Bus, die er zukünftig alleine bewältigen musste. Auf dem Rückweg erblickte er dann zu seinem großen Vergnügen und zum ersten Mal in seinem Leben einen echten Elefanten, der gerade ausgeladen wurde. So bemerkte er mit großer Erleichterung, dass die neuen Herausforderungen des Lebens zwar machmal unheimlich wirken konnten, es dort allerdings auch Elefanten gab. Fortan betrachtete er die Welt mit anderen Augen und voller Freude und Neugier auf das Unbekannte.

Letzten Freitag traf ich mich in den frühen Mittagsstunden mit meiner betagten Brieffreundin in einem hübschen Hinterhof-Café, das sie entdeckt hatte und verbrachte dort mit ihr anregende Zeit rund um Erzählungen von Reisen nach Los Angeles, San Francisco und die „Route Number One“ sowie Segelschiffe und Hawaii. Als wir wieder aufbrachen blieb ich fasziniert vor der grün berankten Fassade eines Gebäudes stehen, an der ich eine Blüte entdeckte, die ich zuvor noch nie gesehen hatte. Ausgiebig nahm ich sie nun in Augenschein und bewunderte ihre Zusammensetzung. 10 weiße Blütenblätter zählte ich, auf denen ein filigraner Fadenkreis rankte und dessen Fädenspitzen wie „in lilafarbene Tinte eingetaucht“ wirkten. Aus der Mitte entsprang ein kleiner Stiel, der sich weiter oben in drei Richtungen teilte und an dessen Enden orangfarbene Stempelkissen thronten. Einen Tag später fand ich heraus, dass es sich um die sogenannte Passionsblume handelte, die zum Hauptteil in Süd- und Mittelamerika beheimatet ist und eine symbolisch, christliche Bedeutung innehat.

Derweil las ich in Jerry´s Buch weiter, der nach dem Elefanten von seinem Onkel erzählte, der ein progressiver Priester war und ihn beeindruckt hatte. Auch da er die Haltung vertrat, dass so manche Regel nur deshalb ins Leben gerufen wurde, damit man sie brechen konnte. Dem folgten im nächsten Kapitel Jerry´s Neuentdeckungen in der Natur inklusive seiner Erzählungen zum Frühling und den Blumen, die er fasziniert betrachtete und später auch fotografisch in Szene setzte. Besonders der Duft und das Aussehen des Flieders hatte es ihm angetan, weshalb er ihn zu seiner Lieblingsblume erkor.

Die Schnelllebigkeit der Welt um mich herum, so manche Flut an Informationen aus der virtuellen Welt und der Gefühlstakt manch anderer Menschen in meiner Nähe brachte mich dann in der letzten Woche auch das ein oder andere Mal zum Nachdenken beziehungsweise kurzfristig ins Wanken. Mit Mut, Offenheit und Ehrlichkeit erklärte ich mich dann nicht nur mir selbst, sondern traf auf offene Ohren, Verständnis und sich öffnende Herzen mit viel Raum und Zeit zum gegenseitigen Zuhören.

Das nächste Kapitel in Jerry´s Buch befasste sich mit der Sicht auf die Dinge, die vor ihm lagen und auf die Erinnerungen. Den Mut, den es braucht die Bilder der Welt, die man sieht, unverzerrt zu betrachten. Ohne die Flut an vorgefertigten Vorstellungen zu beachten, die von den diversen Medien ständig präsentiert werden und mit Freude festzustellen, wie man den eigenen Lebensfilm mit Spaß und Spannung erleben und erzählen kann, weil man sich an das Gefühl von Glück erinnert, mit dem die eigenen Kinderaugen die Welt betrachteten. Das Gefühl von purem Glück durchflutete auch mich als ich Jerry Downs in New York traf. Was er nicht weiß ist die Tatsache, dass ich mir nur einen Abend vorher jemanden sehnlichst wünschte, der mich in den Arm nimmt und als wir uns schließlich auf dem Vorplatz der UN begegneten, berührten ihn meine Worte derart, dass er spontan ankündigte mich umarmen zu wollen und es dann auch tat. Ein wundervoller Moment tiefer Verbundenheit.

Die Verteilung der Zeit oder auch der berühmte Kuchen, den es vermeintlich neu zu verteilen gilt, wenn neue Menschen in unser Leben treten, beschäftigte wortreich die Schmetterlingsdame und mich in den sonntäglichen Mittagsstunden. Ich befand schließlich, wenn man sich dem Fluss des Lebens hingibt, beachtet, dass die eigenen Entscheidungen zum Zeitrahmen mit anderen Menschen dem Wohlfühlfaktor unterliegen und Zeit-Kollisionen einfach durch die Verbindung mit mehreren zur gleichen Zeit überbrückt werden können, man schnell feststellt, dass der Kuchen eine lebendige Form ist, die sich ständig neu in ihrer Zusammensetzung erfindet und gar nichts weggenommen werden muss, wenn sich neues hinzufügt. Auch hier finden sich die Dinge, die zusammengehören und man wird ebenso ein Teil eines anderen Lebenszeit-Kuchen, der manches Mal nur einen Moment lang, manches Mal öfters und manches Mal ein Leben lang währt. Die Lust auf Kuchen im kulinarischen Sinne führte uns dann zum Fräulein um die Ecke, das mit einer köstlichen Auslage, auch in herzhaften Angelegenheiten zu überzeugen wusste. Dort trafen dann in bester Manier neue und mir allesamt bekannte Menschen aufeinander und verbrachten mit Freude und Interesse ein Stück Lebenszeit miteinander. Mein Weg führte mich etwas später noch zur brasilianischen Sonne und zur Übergabe ihres bestellten Buch-Exemplars, das völlig unverhofft eine Klo-Widmung erhielt, freudig entgegengenommen wurde und ich mich mit Honorar wieder von den Damen verabschiedete.

Folgende Begegnungen und Ereignisse hinterließen dann in der letzten Woche noch ihre Spuren, verbanden Vergangenheit mit Gegenwart und riefen so manche erfreuliche Erinnerung hervor.

Im Café in Hafennähe und unter dem Glücksdach der „13“ an diesem Tag, traf ich unversehens auf einen alten Schulkameraden und begang mit ihm so ein inoffizielles, 30-jähriges Abitur-Treffen zu zweit. So erfuhr ich Neues aus seiner längst vergangenen Lebenszeit mit Interesse für Umweltthemen, von aktuellen Gedanken zur Schnelllebigkeit der Agentur-Welt sowie neuen Verbindungen in Sachen Liebe zwischen ehemaliger Schulkameradin und einem Firmenkollegen. Zuvor legte ich ganz offiziell für mein „Bridge to Hawaii“ Umwelt-Reise-Projekt eine eigene Kategorie auf meiner homepage an und befüllte sie mit dem zweisprachigen Interview und persönlichen Hintergrundinformationen rund um Hawaii. Ein weiterer Schritt zur Umsetzung des Projekts. Ein Herr von der Piraten-Café-Mannschaft brachte mich zum Lachen, als er hinter einer Säule verschwand, einen Augenblick dahinter stehen blieb und mich dann mit seinem Erscheinen auf der Eintrittsseite überraschte – herrlich albern wie in Kindertagen. Für den spooky-Effekt des Tages sorgte dann die Dame mit den hessischen Wurzeln, die unverhofft auftauchte, als wenn sie geahnt hätte, dass sie für diesen Tag in meinem Kalender stand. Der Goldrauschengel begegnete mir gleich zwei Mal in dieser Woche – einmal in Verbindung mit einem Glückskäfer und ein weiteres Mal in Verbindung mit ihrem Sohn, der mittlerweile über ihren Kopf wächst. Eine Gänsefamilie brachte mich zum Strahlen und innehalten, die eine Fußgänger-Ampel vorschriftsmäßig beachtete und sich dann Zeit dabei ließ die Straße zu überqueren. Freitag Abend fesselte mich der Film „Possession“, der sich mit dem Verlust von Liebesbriefen befasste und mich daran erinnerte, dass doch hoffentlich meine Liebesbriefe-Post wieder auftaucht und ihre Empfänger erfreut. Ein Tisch-Gespräch zur Mittagspause am Dienstag mit zwei unbekannten Herrn und einer Dame brachte interessante Ausführungen zur Liebe zutage und offenbarte auch manche berührende Lebensgeschichte. Eine Dame mit Hund und gefrorenem Joghurt erinnerte mich kurzfristig gestern an ihren Ehemann und alte Freundschaften längst vergangener Tage und ganz im Stil von „aller guten Dinge sind drei“ überraschte mich noch folgendes. So begegnete mir wieder der Elefant, dieses Mal auf dem Arm einer Dame neben mir. Neugierig erforschte ich nun seine Wurzeln und fand heraus, dass es sich um das Abbild einer hinduistischen Gottheit handelt, die für Glück und gutes Gelingen auf dem Wege steht. „Ganesha“ ist auch der Herr der Hindernisse, die er beiseite räumt oder dort welche setzt, wo man sich ihm gegenüber respektlos zeigt. In diesem Sinne verabschiede ich mich für heute. Bis bald.

In Liebe,

Alice

PS. Zwei Zitate möchte ich Dir an dieser Stelle noch mit auf den Weg geben. Das eine las ich auf einer mir zugewandten Dose, dessen Urheber mir unbekannt ist und das andere entdeckte ich in der virutellen Welt. Es stammt von der Journalistin Gloria Steinem.

„Lieben und geliebt zu werden ist das größte Glück auf Erden“

und

„Dreaming, after all, is a form of planning.“

 

Über Alice Zumbé

Wer bin ich? Meine immer währende Neugierde auf Menschen aller Art gab schnell den Weg zur Portraitmalerei frei. Jedoch auch andere Facetten meines Lebens führten zu zahlreichen Interessensgebieten. Immer mit dem Blick was draussen passiert - sowohl im Detail als auch im großen Ganzen. Es bleibt spannend in der Welt.
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