Kolumne: Ruhe vor dem Sturm?

„Liebesbriefe von Alice.“
„Der Wochenrückblick über Themen, die Alice bewegten.
Immer in Verbindung mit Liebe.“

„Lieber Freund,

in meinem letzten Brief deutete ich ja bereits an, dass es so scheint als wenn gerade ruhige Zeiten uns begleiten. Für mich persönlich ist es manchmal noch eine Herausforderung mich diesen hinzugeben und einfach darauf zu vertrauen, dass gerade alles seinen Sinn hat, ob ich es jetzt verstehe oder nicht. Irgendwann tritt auch wieder mehr Bewegung ins Leben oder wird von mir angestossen – doch alles zu seiner Zeit und nun gebe ich mich mit dem Blick nach vorne einfach diesen Zeiten hin. Gleichwohl erzähle ich Dir noch von den Ereignissen der letzten Woche, die rückblickend schon ruhig anmutete und doch noch so manche Überraschung für mich bereit hielt.

Manches Mal entscheiden nur wenige Sekunden darüber, welche Wendung das Leben nimmt und so überlegte ich an diesem Donnerstag im Hausflur, kurz bevor ich zur Tür hinausging, noch einmal in welche Richtung ich nun radeln wollte. Schließlich entschied ich mich für meine erste Eingebung am Morgen und schwenkte nach links. Derweil entschied einige Straßenzüge weiter gerade ein betagter Herr in seinem Hausflur, dass er noch schnell das Leergut vor die Tür bringen wollte, bevor ihn seine weiteren Verpflichtungen an andere Orte führen würden. So kreuzten sich unsere Wege just in dem Moment als er die Straße mit dem Beutel voller Flaschen überquerte, die ich gerade entlang radelte. In den letzten 3,5 Jahren, die wir uns nun kennen, waren wir an dieser Stelle noch nie aufeinandergetroffen und ich freute mich in diesem Moment sehr über diese unverhoffte Überraschung. Vor mir stand nun der Weihnachtsmann, der mir fast in die Arme gelaufen wäre. Das Glück war auf unserer Seite und so nutzen wir die Gelegenheit dieser Überraschung eine Verabredung im Café, mit dem Fahrrad an der Wand und einem imposanten Kronleuchter an der Decke, eine Stunde später folgen zu lassen.

Indes freute ich mich nach meiner Ankunft an besagtem Ort über die Begegnung mit der jungen Dame, die mir seinerzeit so ein schönes Kompliment machte und von dem ich Dir in meinem Brief „Glückstage“ berichtete. Sie strahlte über das ganze Gesicht und erzählte mir bei meiner Frage nach ihrem Wohlbefinden, dass sie erst einen Tag zuvor von einer wunderschönen Reise ins Land des Lächelns zurückgekehrt war. So surfte sie noch auf den auslaufenden Wellen dieses Ereignisses und trug weiter für was dieses Land bezeichnet wurde. Sie schenkte mir damit auch Erinnerungen an meinem Aufenthalt dort vor vielen Jahren, dessen Bilder mir nun wieder völlig lebendig vor mein geistiges Auge traten. Über 2.000 Kilometer bereiste ich damals in diesem Land, 13 Flugstunden von hier entfernt und viele Eindrücke werden mich mein Leben lang begleiten. Faszinierende Landschaften und außergewöhnliche Begegnungen mit den Menschen vor Ort sowie der Tierwelt befüllten mein Abenteuerherz. Elefanten – welch´ wunderbare Wesen, Affen, die äußerst diebisch unterwegs waren, Bergvölker, die einen Einblick in ihr ursprüngliches Leben gewährten und ein Ausblick am goldenen Dreieck auf den riesigen Mekong, dessen Flußufer dort von drei Ländern begrentzt wurden, waren nur wenige Wahrnehmungen von den unendlich vielen auf dieser Reise.

Als ich so darüber nachdachte, schmunzelte ich plötzlich über eine Frage, die mir die junge Dame zuvor gestellt hatte: „Was machen Sie eigentlich, wenn Ihnen mal nichts einfällt, über das Sie schreiben können?“ Ich überlegte einen Moment und ließ dann verlauten, dass es für mich eigentlich nur zwei Ereignisse gibt, die leere Seiten nach sich ziehen: das Koma und der Tod, denn „nur“ ruhige Zeiten offenbaren doch immer noch die Möglichkeit den Gedanken freien Lauf zu lassen und die Fantasie zu beflügeln.

Dann stand der Weihnachtsmann vor mir, begrüßte mich mit einer herzlichen Umarmung und nahm Platz, um mir Gesellschaft zu leisten. Wir erfreuten uns am anderen und ich las ihm zwei Briefe an Dich vor, die er noch nicht kannte. Dies führte dazu, dass wir auch ein wenig über den Sinn des Lebens philosophierten und falls er einmal verloren gehen sollte oder nicht gefunden werden konnte, befand ich, dass man erst einmal in der reich befüllten Schatztruhe des eigenen Lebens kramen solle, um dort nach den verborgenen Träumen und Talenten zu suchen, die in jedem stecken. Gegenüber saßen sich in diesem Augenblick eine 80 Jahre alte und eine 48 Jahre alte Schatztruhe – da wird sich doch jederzeit etwas finden lassen… und was den Weihnachtsmann betraf, so war ich mir sicher, dass seine Zeit spätestens dann wieder reich befüllt wurde, wenn Weihnachten vorzubereiten war. Denn so hatte ich ihn damals kennengelernt, als er meine Fantasie beflügelte. Den Tag beendete ich schließlich mit der Vorfreude auf den nächsten, meinen besonderen Glückstag jeden Monat, weil es der 13te ist.

In ruhigen Zeiten zeigt sich das Glück oft in den kleinen Gesten und Ereignissen und so beschied es auch mir an dem folgenden Tag jene Seiten, die nicht minder erwähnenswert sind. Der 13. Mai zeigte schon am Morgen eine Seite von sich, die mich heiter stimmte. Denn entgegen einiger Prognosen der Wetterfrösche stellte sich nochmals herrlichstes Frühlingswetter ein. Am späten Vormittag führte mich mein Weg dann auf den wöchentlichen Bauernmarkt, der mit saisonalen Köstlichkeiten aufwartete, die die Natur und die fleißigen Hände der Erzeuger hergab. Jetzt im Frühling schienen die Erträge aus der Region fast unerschöpflich und der Gemüsestand meiner Wahl präsentierte sich mit seiner Vielfalt an bunten Sorten als eine wahre Augenweide. Süße Erdbeeren, rote, saftige Tomaten in verschiedensten Größen, gelbe Paprika, Kräuter in diversen Varianten, grüne Lauchzwiebeln und Salate, Pomme de terre – wie der Franzose sagt und herrliche, weiße Stangen, die nur wenige Wochen gestochen werden und köstlich munden, wenn ich sie zum Beispiel klein geschnitten in Olivenöl brate, mit Kräutern, Salz und frischem Pfeffer veredle und die Pasta darin schwenke. So reichte ich der Dame hinter dem Stand meine Tasche, die sie sogleich nach meinen Wünschen befüllte. Ein kleiner und doch besonderer Glücksmoment war dann das Gespräch, dass ich in der Zeit mit ihr führte. So plauderten wir über die Sinnhaftigkeit der Sterne-Küche und die bedeutungsschwangere Esskultur der westlichen Hemisphäre sowie unsere persönliche Haltung dazu. Die Unterhaltung brachte mich dazu der Dame später noch einen kleinen, beherzten Wegbegleiter zu schenken, den sie mit großer Freude und Dankbarkeit entgegennahm, was mich wiederum zum Strahlen brachte und wir uns mit besten Wünschen voneinander verabschiedeten.

An diesem Tag folgten noch einige Glücksmomente, die ihm alle Ehre machten. So offenbarte sich mir die Möglichkeit helfend jemanden beiseite zu stehen, der mir am Herzen liegt, mein Sohn schenkte mir seine Aufmerksamkeit und ein gutes Gespräch und ich traf auf mir bereits bekannte Gesichter im Café in Flussnähe mit gewohnter Herzlichkeit und Freude. Dann zogen unausweichlich die ruhigen Zeiten in die nächsten Tage meines Lebens ein, deren Reiz auch darin lag sich an dem Anblick von Sommersprossen, einem guten Film mit Botschaft oder dem Wechselgeld in Höhe von 1,31 Euro, das für mich doppeltes Glück bedeutet, zu erfeuen.

Ist es die Ruhe vor dem Sturm, der solch´hohe Wellen mit sich bringt, die schließlich geritten werden wollen? Die junge Dame mit den hawaiischen Wurzeln sprach gestern daraufhin von „Ruhe bewahren“ und soll damit Recht behalten. Denn auch oder gerade die friedlichen Augenblicke wollen wahrgenommen werden und so mancher Sturm ist am Ende doch nur ein Sturm im Wasserglas. So wünsche ich Dir eine entspannte und friedliche Zeit.

Bis bald und in Liebe,

Alice

PS: Einst entdeckte ich ein wunderbares Video, von Stephen Fry besprochen, der die Frage „How can I be happy?“ letztlich wie folgt beantwortet:

„The time to be happy is now and the way to find meaning in life is to get on and live it.“

Über Alice Zumbé

Wer bin ich? Meine immer währende Neugierde auf Menschen aller Art gab schnell den Weg zur Portraitmalerei frei. Jedoch auch andere Facetten meines Lebens führten zu zahlreichen Interessensgebieten. Immer mit dem Blick was draussen passiert - sowohl im Detail als auch im großen Ganzen. Es bleibt spannend in der Welt.
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