Kolumne: Landkarte im Kopf.

„Liebesbriefe von Alice.“
„Der Wochenrückblick über Themen, die Alice bewegten.
Immer in Verbindung mit Liebe.“

„Lieber Freund,

es ist wieder soweit – die ersten Worte des 13. Briefes an Dich formen sich langsam zu den Geschichten der letzten Woche, die mich bewegten und die bis heute noch völlig unerwartete Wendungen nahmen. Einen kleinen Nachtrag zu meinem letzten Brief, der mich einen Tag nach meinem persönlichen Glückstag zum Lachen und zum Staunen brachte, möchte ich Dir nicht vorenthalten, weil das Leben die besten Geschichten schreibt. Diese schienen mir schon so manches Mal fast unglaublich und doch sprachen die Tatsachen dann für sich – fügten Stück für Stück die Momente des Lebens zusammen, die am Ende ein ganzes Bild entstehen lassen.

Ich erinnere mich nicht mehr genau an die Bewegründe, die mich veranlassten mich an diesem Tag noch einmal mit dem Drachenreich zu befassen, indes schenkten sie mir unverhofft einen weiteren Glücksmoment. So entdeckte ich, dass Bhutan die Thronbesteigung seines ersten Königs Ugyen Wangchuk im Jahre 1907 mit einem Nationalfeiertag ehrte. Das verwunderliche daran ist für mich die Konstellation, die mir offenbarte, dass dieser Tag ganz genau mit meinem Geburtstag übereinstimmt. 365 Möglichkeiten und doch ist es dieser Tag, der mich auf irgendeine Art und Weise mit diesem Land verbindet, das das Glück zu einem bedeutenden Bestandteil seines Fortbestands machte. Ist das nicht wundervoll, liebster Freund?

So sehr in mir diese Entdeckung das Dopamin zur Ausschüttung anregte, stimmte es mich in den nächsten Tagen auf ruhige Momente ein. Wieder einmal verabschiedete ich mich für einige Zeit aus der virtuellen Welt und betätigte darüberhinaus den Ausschalten-Knopf meines Smartphones. Es wurde Zeit für mich Ausgeglichenheit zu schaffen und mich bewusst dem inneren Frieden zu widmen. Viele Veränderungungen begleiteten mein Leben in den letzten Monaten – manche traten von außen an mich heran, andere initierte ich von innen heraus und alle führten zu bedeutenden Wendungen. Über einige Ereignisse der letzten Wochen wollte ich noch einmal in Ruhe nachdenken, sie verinnerlichen und Klarheit darüber gewinnen, welche mich noch weiter begleiten sollten und welche keine Rolle mehr für meinen Weg spielten. Zufrieden blicke ich in jedem Fall auf zahlreiche, glückliche Momente und etliche schöne Begegnungen mit bekannten und unbekannten Menschen zurück, die alle zusammen fertige Stücke meiner Landkarte im Kopf aufzeigen. Manche deuten sogar schon Richtungen meines Weges auf einer saftigen, grünen Wiese an, die ich sehe, wenn ich auf meine Vision von der Zukunft blicke, deren Ausgestaltung noch offen vor mir liegt.

Zu Beginn diesen Jahres reflektierte ich über einige bedeutende Ereignisse und Begegnungen des letzten Jahres, die mich veranlassten damals die folgenden Gedanken in Worte zu fassen:

„Das Leben schreibt seine eigenen Geschichten, während man Schritt für Schritt weitergeht. Ab und an schaut man zurück und mit immer mehr Abstand zu dem Vergangenen, erkennt man allmählich die Zusammenhänge der vielen kleinen Ereignisse, aus denen sich dann irgendwann ein ganzes Leben zusammengefügt hat.

Langsam beginne ich zu verstehen, welche Bedeutung die letzten Monate für mein Leben erhalten. Alles hat sich verändert. Nichts ist noch so, wie es einst war. Und wie macht man weiter, wenn ein Traum sich erfüllt, ein Abenteuer endet? Und wenn man erkennt, dass der Abschied noch nachklingt und man trotzdem weitergehen muss, weil es immer nur vorangeht und man im äußersten Fall nur schlicht stehen bleiben kann, um innezuhalten, sich auszuruhen?

Erst am Ende des Lebens ist das Bild vollständig. Spätestens dann offenbart sich jedem, welche einzelnen Puzzlestücke er hinzugefügt hat und wie sie sich in ihrer Gesamtheit darstellen. Auf dem Weg dorthin entwickelt man im besten Fall eine Vision, einen Wunschtraum davon, wie das Puzzle des eigenen Lebens aussehen soll. Eine Liebe meines Lebens erzählte mir von einem Künstler, den er beobachten durfte, während dieser sein Werk vollendete. Er bemalte einzelne Stücke, übermalte diese, fügte Neues hinzu und übermalte wieder Anderes. Zwischendurch glaubte man das fertige Bild schon zu erkennen, doch zum Ende hin hatte es sich noch einmal verändert. So male ich mir aus, wie sich der Weg zum Puzzle des Lebens entwickelt.“

Die Landkarte im Kopf, das Puzzle, das Bild oder der Film des Lebens – es gibt viele Möglichkeiten das Leben in seiner Gesamtheit in Worte zu fassen. Vor allem ist es gezeichnet von Veränderungen, denn jeder neue Tag, jede neue Begegnung, jedes Erlebnis, jede Handlung, jeder Gedanke und jedes Gefühl obliegt dieser steten Wandlung. Vor wenigen Tagen setzte sich eine Dame in ihrer Mittagspause zu mir an den Tisch, um die Wärme der Sonne in der noch kühlen Frühlingsluft zu genießen. So kamen wir ins Gespräch und fanden uns bald in einem anregenden Austausch exakt zum Thema „Veränderungen“ wieder und genau dies führte dazu, dass ich Klarheit darüber gewann, worüber ich in diesem Brief an Dich schreiben werde. Indes passierte etwas völlig unvorhersehbares, das auch diesen Brief zu guter Letzt ein Stück veränderte.

Heute morgen wachte ich auf, schaute zum Fenster hinaus, sah das strahlende Sonnenlicht, das die ersten grünen Blätter eines Baumes durchwirkte und dachte so bei mir: „Was für ein schöner Tag.“ Sogleich öffnete ich weit die Balkontür und huschte für einen Moment ins Bad. Die noch kühlen Temperaturen des Morgen ließen mich auf dem Rückweg frösteln und schnell noch einmal kurz unter die warme Bettdecke gleiten, als ich im rechten Augenwinkel einen fliegenden Schatten wahrnahm. Einen Atemzug später landete ein Rotkehlchen auf dem weißen Beistelltischchen, das ungefähr zwei Meter vom Kopfende meines Bettes entfernt an der Wand steht, schaute kurz in meine Richtung und flog wenige Sekunden später schließlich wieder durch die Balkontür hinaus. Was für ein einzigartiges Ereignis, das mich zum Strahlen und zum Lachen brachte. Besonders deshalb, weil ich noch herausfand, dass dieser kleine Vogel bei den alten germanischen und keltischen Volksstämmen als Überbringer der Sonne galt und auch später die Menschen daran glaubten, dass „Robin“ – so seine Bezeichnung in englischer Sprache – Frieden ins Haus bringt, so dass seine Bewohner dort in Glück und Frieden leben. Dieser Umstand lässt jetzt noch mein Herz tanzen, denn er versinnbildlicht für mich auch einen Wegweiser, der mit einer Idee zusammenhängt, die in den letzten Tagen heranreifte. Der „Room of Happiness“ – doch dazu verrate ich an dieser Stelle noch nicht mehr.

Den Glücksmoment mit Robin teilte ich bereits mit einigen Menschen, deren Begegnung mir der heutige Tag schon schenkte und wir alle herzlich über diese Geschichte lachten. Was für ein schöner Tag!

In Liebe,

Alice

PS: Der Nationalvogel des Drachenreichs ist der Rabe, der die Weisheit symolisiert und die letzte Zeile der Nationalhymne Bhutans lautet:

„May the sun of peace and happiness shine on the people.“

Über Alice Zumbé

Wer bin ich? Meine immer währende Neugierde auf Menschen aller Art gab schnell den Weg zur Portraitmalerei frei. Jedoch auch andere Facetten meines Lebens führten zu zahlreichen Interessensgebieten. Immer mit dem Blick was draussen passiert - sowohl im Detail als auch im großen Ganzen. Es bleibt spannend in der Welt.
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4 Responses to Kolumne: Landkarte im Kopf.

  1. Lars sagt:

    Danke für die interessante Geschichte.
    Ich habe gelernt das leben nicht als Puzzel zu sehen. Mein leben besteht nicht aus getrennten Einzelheiten die jemand von außen zusammen setzt.
    Ich lebe mein leben, wie Pinselstriche auf einer blanken Leinwand, wo das Bild und Motive in jedem gegebenen Augen-blick komplet, vollständig und voll-endet ist.

  2. Ein Freund sagt:

    Liebe Alice, vielen Dank für die weisen und liebevollen Worte. Und die Geschichten, die mich erfreuen und zum Lachen bringen. Mit Vorfreude auf den Mittwoch.
    Mit besten Wünschen,
    ein Freund

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