Kolumne: Das unsichtbare Band.

„Liebesbriefe von Alice.“
„Der Wochenrückblick über Themen, die Alice bewegten.
Immer in Verbindung mit Liebe.“

„Lieber Freund,

die letzte Woche offenbarte so unendlich viele Eindrücke und Begegnungen, dass diese mich noch bis heute bewegen. Gerade komme ich mir wie ein schwankendes Schiff vor, das wohl noch einige Zeit braucht bis sich die Wogen geglättet haben und ich mich wieder auf ruhigem Fahrwasser befinde. Diese metaphorische Beschreibung meines Gefühlszustands erinnert mich auch an letzten Donnerstag, den ich zeitweise völlig unbekleidet in Gesellschaft der Schmetterlingsdame und einiger anderer Menschen verbrachte. „Heiß und kalt“ lautete an diesem Ort die Devise, der dazu einlud die Zehen in das eiskalte Wasser eines Badesees einzutauchen, nachdem eine Dame duftende Essenzen auf heiße Steine goß und so die Temperaturen des Raumes in schwindelerregende Höhen trieb. Anschließend hieß es dann „Ruhe bewahren“, weshalb wir uns in einen Raum begaben, der mit kuscheligen Decken auf mit Wasser befüllten Betten aufwartete. Kaum legte ich mich auf eines der Länge nach nieder, befand ich mich auch schon mitten auf hoher See, wo der Wellengang meinen Körper hin und her schwanken ließ. Mit kindlichem Spaß an diesem Moment trug ich selbst noch einige Augenblicke dazu bei, dass die Wellen höher schlugen bis sie mich schließlich sanft in einen meditativen Zustand schaukelten.

Seit langer Zeit hatte ich diese innere Reise nicht mehr unternommen, die Bilder von meinem betagten Freund, dem Baum auf einer Lichtung, in mir wachrief und meine Fantasie beflügelte. Bisher traf ich dort auch immer auf mein kindliches „Ich“, die kleine Alice, die mich lachend, tanzend und vor Energie sprühend begrüßte. Doch dieses Mal veränderte sich in meinem Wunderland etwas wesentliches, das mich selbst zum Staunen brachte. Um zur Lichtung zu gelangen führte mich mein Weg ein Stück weit durch einen Zauberwald an einem Bachlauf entlang zur einer alten Holzbrücke. Über mir zeigte sich ein Blätterdach in den schönsten Herbstfarben, die man sich vorstellen kann und Libellen und Kolibris schwirrten zahlreich um mich herum, um mich zu begrüßen. So mancher Sonnenstrahl blitzte durch die Bäume hindurch und wenn er die Wasseroberfläche des Baches berührte, brachte er diese wie Diamanten zum Funkeln und Glitzern. Beschwingten Schrittes betrat ich schließlich den knarzenden Boden der Brücke in freudiger Erwartung auf die Lichtung, meinen alten Freund und die kleine Alice. Doch als die Äste des Waldes sich zur Seite schoben und mein Fuß den Boden der Lichtung berührte, vollzog sich eine Verwandlung meiner selbst in mein kindliches „Ich“ und ich begriff in diesem Moment, dass ich mit der kleinen Alice wieder eins geworden war. Auf einer Anhöhe sah ich meinen weisen, stämmigen Vertrauten, der mich mit erfreutem Blick und dunkler, tiefer Stimme willkommen hieß und dann stellte ich fest, dass sich noch weit mehr verwandelt hatte. Ganz gleich wen ich mir von meinen Weggefährten der Vergangenheit vorstellte, erschien dieser nun auf der Lichtung und hieß mich ebenfalls herzlich lachend willkommen. So tanzte auf einmal „Robin – the bird“ vor mir her während mir Jerry, Randall und Casey aus New York zuwinkten, die sich im grünen Gras unter dem Baum versammelt hatten. Auf der anderen Seite schwingte ein betagtes Paar auf einer Schaukel hin und her, genoss ihre Zweisamkeit und schenkte mir ein Lächeln. Zu ihm hatte ich in der realen Welt vor kurzem Kontakt aufgenommen, da uns unter anderem eine Glückszahl verband. Dann reichte mir mein Freund, der Baum einen seiner starken Arme, auf den ich stieg, mich anschmiegend hineinlegte und zufrieden und glücklich einschlummerte.

Als ich meine Augen wieder öffnete, vernahm mein Blick eine Uhr an der Wand, die anzeigte, dass die Zeit gekommen war, um das Bett zu verlassen und nach der Schmetterlingsdame Ausschau zu halten, die bereits weitergezogen war. Unser Aufenthalt in dieser Oase des Wohlfühlens hatte ein Ende gefunden und so traten wir bekleidet den Rückweg an. Da unser Chauffeur noch auf sich warten ließ, schlug ich vor einer Dame einen Überraschungsbesuch abzustatten, deren Zuhause sich in unmittelbarer Nähe befand. Mit ihr verbinden mich familiäre Bande, die uns in dieser Woche gleich zweimal zusammenführten, doch davon erzähle ich später mehr. Nun öffnete sie uns überrascht und erfreut die Tür und so nahmen wir eine Zeit lang bei ihr Platz. Genauer betrachtet unternahm sie mit uns eine Zeitreise in ihre Vergangenheit, in ein Zeitalter, das größtenteils weit vor unserer Geburt lag und untermalte diese mit fotografischen Zeitzeugen und den Erzählungen zu ihren Erlebnissen aus diesen Jahren. Dabei spielte die romantische Form der Liebe keine unwesentliche Rolle und so lachten wir alle herzlich zu den Ausführungen rund um den berühmten ersten Kuss, die zu weiteren Geschichten führten. Nach einem kurzen Aufenthalt in ihrem geliebten Garten zogen wir schließlich wieder von dannen und traten den Heimweg an. Später erfuhr ich dann noch, dass mein Brief an den Herrn von den Vereinten Nationen nach exakt 13 Tagen seinen Bestimmungsort erreicht hatte – was für ein glücklicher Umstand.

Meine Glückszahl begleitete mich auch am nächsten Tag noch ein Stück des Weges, der mich in gewohnter Manier zum Bauernmarkt und zur Dame am Gemüsestand führte. Nach Erfüllung meiner kulinarischen Wünsche und einem netten Plausch hinterließ ich ihr noch einen beherzten Gruß in Form eines Rezeptes, das eine weitere Dame neben mir aufhorchen ließ und die Dame vom Stand vielleicht mit dem Rosenkohl freunschaftliche Bande schließen lässt. Meine Wahl von Brot und Käse an anderer Stelle führte auf jeden Fall zu einer präzisen Summe, die mich aufhorchen ließ und mir ein breites Lächeln auf mein Gesicht zauberte. Da war sie wieder – die „13“. Spontan äußerte ich noch, dass dies wohl nur Glück bedeuten kann, nicht ahnend, dass ich kurze Zeit später von meinem Drucker ein unverhofftes Geschenk erhalten würde. Dies führte wiederum dazu, dass ich völlig beseelt meinen wöchentlichen Liebesbrief an meine betagte Brieffreundin verfasste und obendrein feststellte, dass mein Aufenthaltsort ganze 13 Autominuten von ihrem Zuhause entfernt lag. Fast unglaublich wie präsent diese Zahl in mein Leben trat, die für mich ein Stück „Glück“ verkörpert. Ein Umstand, den ich einfach gerne annehme ohne ihn weiter zu hinterfragen, denn nicht alles bedarf einer Erklärung. Daran fügte sich später dann noch schlicht eine Begegnung mit einer jungen Dame in einem Hinterhof, die gerade ihr himmelblaues Gefährt mit weißen Punkten beklebte und ich nicht umhin kam zu bemerken, dass mein „Parapluie“ ebenfalls bepunktet ist. So endete dieser Tag einige Stunden später voller heiterer Momente.

Beinahe nahtlos knüpften diese dann an den Samstag an, der mit herrlichem Herbst-Wetter und so mancher weiteren Überraschung aufwartete. Der monatliche Kunstkurs führte mich in die Stadt und so lernte ich neue Mitglieder der Weihnachtsmann-Familie kennen, mit denen ich mich gerne verband und erfreute mich dann am Rendezvous mit Napoleon, der mich schon in mehrfacher Ausführung erwartete. Später traf ich noch auf zwei Herren, die mir seinerzeit ein blaues Täschchen für meine Reise nach New York schenkten, das mich bis heute täglich begleitet. Der Himmel zeigte an diesem und den darauffolgenden Tagen ebenfalls sein schönstes Blau und tauchte in Verbindung mit der Sonne meine Umgebung und jeden dazugehörigen Moment in die wunderschönsten Farben, die die Natur zu bieten hat. Golden wirkte so die Baumallee am ehemaligen Spee´schen Palais, das nun der Kunst und Napoleon ein Zuhause bot und meine spätere Fahrt durch den Ehrenhof, der sich ebenfalls der Kunst verschrieben hat, ließ diesen Ausblick wie ein Gemälde wirken. Mit viel Liebe zum Detail präsentierte sich auch wieder die Terrasse mit italienischem Flair der zwei Herren, die sich der Mode widmeten.

Der Sonntag und Montag versetzte mich dann vollends in einen wahren Rausch der Sinne ob der zahlreichen Eindrücke, die sich mir darboten. Architektonische Meisterwerke vor himmelsblauer Kulisse, spiegelglatte Gewässer in Fluss- und Hafennähe, die die bunten Ufergewächse, Schiffe und angrenzende Gebäude doppelt erscheinen ließen sowie mit Weinranken bewachsene Fassaden in Rot-, Gelb- und Grün-Tönen, in die ein Schwarm Vögel immer wieder und wieder hineinflog, um sich an den Früchten zu laben, gaben sich am Sonntag die Klinke in die Hand. Auch der Liebe und dem Frieden stattete ich einen Besuch ab und erfreute mich an der bunten Skulptur, die in der Sonne glänzte. Der Fluss bestach mich mit einem unvergleichlich schönem Abendrot und einer erhöhten Aussicht über die Stadt in alle Himmelsrichtungen. Versüßt wurden diese Momente dann noch von den Begegnungen mit bekannten Gesichtern in den Cafés dieser Stadt, die mich herzlich willkommen hießen und für den Moment mir ihre Aufmerksamkeit schenkten.

Scheinbar nicht endend wollend setzte sich diese Wonne der Farben, Begegnungen und Orte dann am Montag fort und bescherte mir bereits am Morgen eine unverhoffte Zusammenkunft mit einem Herrn, der des Öfteren mit Vinylplatten unterwegs ist. Nun trat er aus einem Gebäude für Staatseinkünfte, in dem ich einen Liebesbrief hinterlassen wollte und so liefen wir uns sprichwörtlich direkt in die Arme und nutzten die Zeit für einen Gedankenaustausch über die jüngste Vergangenheit. Schließlich trennten sich wieder unsere Wege, ich gab meinen Brief ab und enschied mich spontan dafür dem angrenzenden Park einen Besuch abzustatten. Dieser offenbarte sich bei besten wetterlichen Voraussetzungen dann wieder einmal als wahrer Garten Eden, der mich mein Glück kaum fassen ließ, während ich meine Wege durch ihn hindurch fand. So zog mich diese Überflutung der Emotionen zur Erholung in das Café inmitten dieses Paradieses, indem ich bestens mit einem Latte Macchiato bedient wurde und ein Herr mit schlafenden Kind mir einen Platz in der Sonne sowie einen netten Plausch anbot. Dann überraschte mich noch eine junge Dame, die in Begleitung des Weges kam und die ich einst in einem Café in der Stadt kennenlernte. Nun tauschten wir uns über ihren Klosteraufenthalt und meine New York Reise aus bis auch hier die Zeit gekommen war Abschied voneinander zu nehmen. Mit gegenseitigem Dank für die netten Gespräche verließ ich diesen Ort geradewegs zu einem kleinen Bauernhof, auf dem riesige Schweine ihren Schlaf in der Sonne genossen, Ziegenböcke gierig nach den gereichten Köstlichkeiten an Zäunen hochkletterten und Esel mit großen Ohren IA-Laute von sich gaben. Mütter, Väter, Omis, Opas und Enkelkinder trafen ebenso auf die tierische Gesellschaft, der ich einige Momente lang meine Aufmerksamkeit schenkte, bis ich beschloß den Rückweg anzutreten. Für diesen ließ ich mir dann viel Zeit und schob meinen bereiften Freund neben mich her, während ich mich nochmals an den zahllosen Eindrücken des Parks erfreute und diese Momente des Glücks in mich aufsog. Später teilte ich diese Erlebnisse ein Stück weit mit der jungen Dame aus Sydney, die ich im Café im Kiez antraf und so endete ein über die Maßen erfüllter Tag, der die Aussicht auf familiäre Verbundenheit schon anzeigte.

So trafen am nächsten Tag feierlich Mütter, Töchter, Söhne, Tanten, Onkel, Oma, Vater, Freundin, Kinder, Enkelkinder und Erwachsene aufeinander, um im Kreise der Familie den Geburtstag der Ältesten zu begehen. Vieles in diesen Stunden berührte mein Herz, manches schuf Klarheit und am Ende gingen alle mit einer herzlichen Verabschiedung voneinander wieder ihre eigenen Wege. Meine Seele braucht nun ihre Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten und um zur Ruhe zu kommen – bis zum nächsten Abenteuer des Lebens, das alles miteinander verbindet. Bis dahin wünsche ich Dir eine schöne Zeit.

In Liebe,

Alice

PS. In der Nacht zum Mittwoch entwarf ich dann noch das Buch-Cover, das ich Dir nicht vorenthalten möchte.

Buch-Cover „Liebesbriefe von Alice.“

 

Über Alice Zumbé

Wer bin ich? Meine immer währende Neugierde auf Menschen aller Art gab schnell den Weg zur Portraitmalerei frei. Jedoch auch andere Facetten meines Lebens führten zu zahlreichen Interessensgebieten. Immer mit dem Blick was draussen passiert - sowohl im Detail als auch im großen Ganzen. Es bleibt spannend in der Welt.
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