Kolumne: Der erste Eindruck.

Liebesbriefe von Alice.
„Der Wochenrückblick über Themen, die Alice bewegten.
Immer in Verbindung mit Liebe.“

„Lieber Freund,

zu Beginn des Monats rief die Dame hinter dem Ministerium für Glück und Wohlbefinden unter anderem zur monatlichen Befreiung von „Beurteilung“ und „Verurteilung“ auf und brachte so einen Gedanken-Stein meinerseits ins Rollen, der mich über einige Tage hinweg von Zeit zu Zeit beschäftigte. Machte diese Befreiung Sinn? Recht schnell meldete sich für mich ein klares „nein“ aus dem Bauchgefühl heraus, doch das „Warum?“ wollte ich dabei nicht außer Acht lassen. So erschien es mir nach einigen Überlegungen sogar überlebenswichtig eine Situation zu beurteilen, einen ersten Eindruck zu gewinnen, etwas gedanklich von allen Seiten zu betrachten, um für sich abwägen zu können ob es ratsam ist Abstand für den Moment zu nehmen oder Nähe zuzulassen. Und somit empfinde ich es eher als eine Art eigener Bodyguard, einen Schutz und Möglichkeit zur Reflektion, um im besten Sinne das Werkzeug Verstand zu nutzen, das meinem Wohlbefinden dienlich ist. Selbst die berühmte Menschenkenntnis, das Erlangen einer gewissen Deutungssicherheit durch Erfahrungen des Lebens und Beobachtungen, wäre wohl ohne Beurteilungsfähigkeit kaum möglich. Entscheidend ist dann zu erkennen, dass man sich so lange in der Gedanken-Fantasyworld befindet, bis man mit seinem Gegenüber in Kontakt tritt. Erst dann entfaltet sich bestenfalls ein wunderbarer Gedankenaustausch, der beflügelt, inspiriert und zum allgemeinem Wohlbefinden aller Beteiligten beiträgt. Absatz.

Und das „Verurteilen“? Nun ja, auch davon möchte ich mich nicht gänzlich befreien, wenn ich auf so manches menschengeschichtliches Ereignis und damit einhergehende Verhaltensweisen zurückblicke. Lehren diese doch das eigene Verhalten zu prüfen, mit der Brille der Gerechtigkeit zu betrachten, eine Haltung einzunehmen und möglichst einen liebevollen Umgang mit sich selbst und anderen zu pflegen. Doch selbst der göttliche Segen der Justitia, die in der römischen Mythologie noch für eine ausgleichende Gerechtigkeit stand, schützt nicht vor dem Irrtum des Abwertens und der Bestrafung, die im geschichtlichen Rückblick kaum der Vermeidung erneuten Fehverhaltens diente. „Errare humanum est“ oder auch „Irren ist menschlich“ heißt es gemeinhin, wobei der Vollständigkeit halber noch ein „…, aber auf Irrtümer zu bestehen ist teuflich“ anzufügen wäre, und somit betrachte ich es am liebsten mit Humor, wenn mich derartige Gedanken befallen. Solange sie sich dann nicht in der Tat wiederfinden, schaden sie auch nicht meinem Gegenüber und verlieren sich im Nirvana der Unendlichkeit. Zwei Ereignisse der vergangenen Tage lassen mich darüberhinaus dankbar auf das „Beurteilen“ zurückblicken. Zum einen schützte es mich vor der Wortgewalt eines anderen und half mir in jeglichem Sinn Abstand zu gewinnen und zum anderen lehrte es mich wieder einmal, dass der erste Eindruck nur oberflächlicher Natur ist. Diesem folgte dann Offenheit und Raum für gemeinsame Lebenszeit und erfuhr so eine ungeahnte Bereicherung bis spät in die Nacht. Absatz.

„Lieben“ und „urteilen“ stehen für mich in diesem Sinne im Einklang miteinander und mit dem Humor an meiner Seite blicke ich nun sehr gerne auf die Ereignisse der letzten Tage zurück. Aufgrund der bis gestern noch vorherrschenden sommerlichen Temperaturen und einer steigenden Luftfeuchtigkeit, bedingt durch im Moment erfrischende Regenschauern, bevorzuge ich wieder den Stil der Zusammenfassung und wünsche Dir nun viel Freude beim Lesen. Absatz.

Sonntag, 05. August 2018

Nach der Veröffentlichung Deines letzten Briefes stand zunächst das „il dolce far niente“ im Vordergrund des Geschehens und so widmete ich mich an diesem späten Vormittag lediglich den Beobachtungen um mich herum auf der Terrasse des Covent Garden sowie der Latte Macchiato und den Eiswürfeln für die innerliche Abkühlung. Zuvor begrüßte ich im Inneren einen Herrn, den ich eher im Piratencafé vermutet hätte und erfreute mich dann an einem unverhofften kurzen Abschiedsgespräch seinerseits, bevor er mit einem Rat in der Tasche wieder entschwand. Bewegung rief nach mir und so schwang ich mich auf meinen Drahtesel mit dem Ansinnen entlang der Düssel in Richtung eines Schlosses zu fahren. Ein überraschender Anruf des jungen Mannes, dem ich das Leben schenkte, unterbrach einen Moment lang meine Fahrt, die ich bald erfreut von dem Gespräch fortsetzte und so den Volksgarten erreichte. Entlang des Wasserlaufs hielt ich ab und an und beobachtete die artenreichen, gefiederten Freunde, die ihr Federkleid säuberten, in der Sonne schliefen oder in einem Brunnen gemeinschaftlich ihre Bahnen zogen. Nach einem kurzen Zwischenstopp mit meinen eigenen Füßen im eiskalten Wasserkanal erreichte ich schließlich einen See, umrundete ihn, entschied das Schloss von meiner Gedankenliste zu streichen und eher einen Eiskaffee im nahegelegenen Südpark-Café vorzuziehen. Im Schatten eines Baumes genoss ich die kühle, eisige Erfrischung und beobachtete lauter Menschen aus Europa und Japan, die sich familiär verbunden hatten und anhand ihrer zahlreichen gemixten Nachkommenschaft im ersten Eindruck unter Beweis  stellten, dass Liebe keine Grenzen kennt. Menschen gingen und andere kamen und bald zog es auch mich zurück in den Kiez mit familiärer Verbundenheit. Absatz.

Montag, 06. August 2018

Mit Startverzögerung aufgrund weiterhin fehlenden Tiefschlafs begann der Aloha Monday und ich beschäftigte mich zunächst ausgiebig mit der virtuellen Welt rund um Bridge to Hawaii, die auch zu neuen, stadtnahen Kontakten führte. Eine Dame organisiert hier sogenannte Rhein CleanUps und so lag es nahe uns mit ihrer Initiative zu verbinden und so eine Brücke zu bauen. Ganz getreu dem Aloha-Brücken-Gruß, von dem ich Dir in meinem letzten Brief erzählte und die Bilder dazu an diesem Montag ins Netz stellte. Im Covent Garden freute ich mich dann über einen unverhofften Mittagsplausch mit dem Herrn, der in einem alten Bauernhof lebt und wir uns nach einigen Wochen nun das erste Mal wieder begegneten. So tauschten wir nun die Geschichten der jüngsten Vergangenheit aus und unterhielten uns über Reisepläne in andere Länder. So erfuhr ich von familiären Verbindungen bis in die Provence, die mir noch wärmstens durch den Aufenthalt in Nizza in Erinnerung ist, und von alternativen Lebensweisen, die Neugierde für den Moment weckten. Durch meine eigenen Erzählungen bemerkte ich dann schnell wieviel mich gerade selbst gedanklich bewegte und so widmete ich mich nach diesem Zusammentreffen der Kontaktaufnahme zu neuen, möglichen Sponsoren für Bridge to Hawaii und zu einer Literaturagentur, die virtuell auf sich aufmerksam gemacht hatte. Erinnerst Du Dich noch an meinen Aufruf diesbezüglich? Die äußerst warmen Temperaturen veranlassten mich schließlich am frühen Abend nochmals das Haus in Richtung eines kühlen Frozen Joghurt zu verlassen und so erhielt ich eine äußerst erwärmende Ahnung davon, mit welchen Temperaturen am nächsten Tag zu rechnen war. Absatz.

Dienstag, 07. August 2018

Nach einer weiteren, eher schlaflosen Nacht war es dann soweit – The Heat, Teil 3, machte seinem Namen alle Ehre. Auf der noch schattigen Terrasse des Covent Garden traf ich am späten Vormittag auf die Lady from Mauritius, die glücklicherweise wieder genesen war und wir uns nun auch über eine steigende Anzahl von Butterflies in diesem Sommer und ihre Aufenthaltsdauer im Cocoon unterhielten bis sie arbeitsreich im Inneren des Cafés verschwand. Langsam zog sich der Schatten Stück für Stück zurück und die Sonnenstrahlen erreichten meine unteren Gliedmaßen, so dass ich, nachdem ein Ausweichen schier unmöglich wurde, beschloss das Innere aufzusuchen und meine Rechnung zu begleichen, um unter dem heimischen Deckenventilator kühle Momente zu erfahren. Doch zunächst freute ich mich nochmals über einen kleinen Plausch mit der Lady – und dies muss erwähnt werden – der ich unter anderem eine ausführliche Beschreibung von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ zuteil werden ließ und empfahl den humorvollen und tiefsinnigen Film anzuschauen. Ein ganz anderer Film brachte mich dann vor Ort noch mit dem mexikanischen Filmemacher in Kontakt, dem ich herzlich dazu gratulierte, dass sein Werk „Mamacita“ nun bald auch in Hollywood zu sehen sein wird. Eine wahrhaft großartige Nachricht und seine Äußerung, dass die Organisatoren hinter dem LA Film Festival Ende September ihn sogar einfliegen lassen wollen, rundete diese Angelegenheit wunderbar ab. Im Angesicht der schweißtreibenden Hitze erweckte die englische Konversation den Eindruck, dass meine Synapsen zu schmelzen begannen und so stellte ich den Wunsch nach Vertiefung des Gesprächs zurück und entschwand mit einem Aloha in allen Richtungen zum Ventilator unter der Decke. Absatz.

Nach einer Gedanken-Odyssee und Seelenputzen am Nachmittag folgte ich zunächst dem Ruf des Aloha-Herzens ins Café in Hafennähe und mit Blick in die virtuelle Welt dann einem alten Freund, der an diesem Tag seine DJ-Künste in der Meerbar wieder einmal unter Beweis stellen wollte. Was dann folgte war nicht vorhersehbar und entsprach so gar nicht meinen Gewohnheiten, die mich eher tagsüber in Lokalitäten der Stadt führten. Eine Kaffeehaus-Tante schlummerte nun mal auch in mir – doch zurück zur Bar-Terrasse mit Blick auf das Hafenbecken und ersten Eindrücken um mich herum. Absatz.

Die frühen Abendstunden trieben geschäftige Herrschaften im Anzug-Outfit aus den umliegenden Büros zum Sundowner-Aperitif auf die Lounge-Couchen und mischten sich unter Wein-verliebte Paare oder FlipFlop-tragende wie meine Wenigkeit. Ich widmete mich derweil einigen Notizen aus der Erinnerung, die ich zu Papier brachte und damit die Aufmerksamkeit eines Herrn auf mich zog. Erinnerst Du Dich noch an Lord „Tuppy“ Augustus? Eigentlich liegt es mir fern einen Vergleich mit einem anderen, dazu noch fiktiven Charakter heranzuziehen, doch fällt mir genau dieser ein, wenn ich an den Herrn und die weiteren Verwicklungen des Abends zurückdenke. Nun, der Herr nutzte in jedem Fall die Gelegenheit der Abwesenheit seines Begleiters um mich anzusprechen. Fortan und bald auch wieder in Anwesenheit des anderen Herrn, entwickelte sich eine Konversation, die vor Wortwitz förmlich sprühte und augenscheinlich alle erheiterte. Wobei der jüngere der beiden eher die beobachtende Position einnahm, während mein Gegenüber und ich einen Schlagabtausch auf Augenhöhe vollzogen. Später gesellte sich noch eine junge Dame und Herzensdame des Beobachters in die Runde und bereicherte nochmals den Kreis um eine Schriftstellerin und Persönlichkeiten, die auch als Vertreter für Rechtsangelegenheiten ihr Dasein gestalten. So entwickelte sich ein Abend, dessen Unwägbarkeit mich auf wunderbare Weise zum Staunen und alle zum Lachen brachte. Das Potpourri der Worte umspann dabei genauso aufklärendes der Damen gegenüber den Herrn zur berühmten Besetzungscouch, als auch rezitierendes meines Gegenübers von Anton Ego, der einst von Rémy „Ratatouille“ serviert bekam, und tiefsinnigen Ausführungen zu „Und täglich grüßt das Murmeltier“, die mich allesamt zum Strahlen brachten. Der spooky-Effekt zu meinen Erlebnissen des Mittags war unübertroffen. Mit einer Einladung nicht nur zum dargereichten Eisbecher und der Begleitung zum Drahtesel mit vorheriger Verabschiedung des Liebespaares endete dieser fulminante Abend schließlich um Mitternacht und entließ alle Beteiligten in die Nacht. Absatz.

Der darauffolgende Tag brachte vor allem sehr viel Ruhe mit sich und bot somit auch viel Raum, um die Ereignisse in die Tiefen der Seele sacken zu lassen. Mit einer Umarmung, sowohl im übertragenden Sinne, als auch in Erinnerung an eine gestrige Begegnung mit einem Herrn, dessen Name mich an die Nibelungensage erinnert, verabschiede ich mich für heute an dieser Stelle. Mit Aussichten auf mögliche, weitere Verwicklungen unter den Augen der Justitia wünsche ich Dir einen allumfassenden Blick für die kommende Woche und sonnige Tage, die kühlendes Nass vom Himmel nicht auschließen mögen.

In Liebe mit Aloha,

Alice

PS. Die letzten Worte gehören einer Dame mit Namen Joanne Hardy, die ich im Netz entdeckte.

„You never know which conversaton will be the one that dramatically changes your life, or empowers you with a new understanding of who you are, and where you´re going.“

 

Über Alice Zumbé

Wer bin ich? Alice Zumbé, geboren mit künstlerischem Talent, welches im Ursprung bei der Großmutter zu finden ist. Meine immer währende Neugierde auf Menschen aller Art gab schnell den Weg zur Portraitmalerin frei. Jedoch auch andere Facetten meines Lebens führten zu zahlreichen Interessensgebieten. Immer im Blick was dort draussen passiert... sowohl im Detail als auch im großen Ganzen. Es bleibt spannend in der Welt.
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